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Schreiben Podcast

Moin,

wer ihn noch nicht gesehen hat, hier ist der Podcast mit Toby und mir zum Thema schreiben: LINK

Die Kurzgeschichte „Textbesprechung“, könnt ihr HIER kostenlos downloaden.

Holger

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Bob Fnord: Interview mit einem Charakter

Eine Schreibkollegin fragte mich nach der Checkliste, mit der ich meine Charaktere ausarbeite. Für die Hauptpersonen habe ich mir aus der Literatur einige Hilfsmittel zusammengesucht, die ich hier anhand der berühmten realen Persönlichkeit Bob Fnord vorstellen möchte.

Psychologie, Physiologie und Soziologie

Physiologie: Bob Fnord ist mittlerweile 96 Jahre alt. Sein ursprünglich naturblondes Haar ist nun künstlich gefärbt. Seine Figur immernoch athletisch, aber alles an ihm ist irgendwie faltig geworden, besonders sein wettergegerbtes und sonnengebräuntes Gesicht. Er war mal 1,86m groß, ist aber mittlerweile auf 182 cm geschrumpft.

Praktisch dazu ist auch ein Bild zu malen oder sich eins aus dem Internet zu suchen, wie man sich Bob vorstellt:

bob fnord

Soziologie: Bob ist der leibliche Sohn des Imbissbesitzers Walle Kirsch und Rannia Q. Lomb, die im Jahre 2036 kurzzeitig Präsidentin der Mongolei war, ansonsten aber Vorstandsvorsitzende eines indischen Konzerns ist, der Makramee-Arbeiten in die ganze Welt verkauft. Da sie Bob nicht wollten, haben sie ihn zur Adoption freigegeben und er wurde von einem schwulen Elternpärchen im brasilianischem Urwald großgezogen. Seine Jugend war durch Umzüge geprägt, um den ständigen Rodungen auszuweichen. Er studierte biologische Forstwirtschaft an der Universidade Federal de Tocantins und schloss sich einer Studentebewegung an, die gegen jegliche Form von Ausbeutung demonstrierte. Nach der Uni bekam er ein fantastisches Angebot von einer amerikanischen Firma, die sich auf halblegale Brandrodungen spezialisiert hatte und Bob merkte, dass Ausbeutung gar nicht so schlecht war, wenn man nur auf der richtigen Seite stand, nämlich der, die davon profitierte. Er machte eine Fortbildung zum Economic Hitmann und stürzte im Auftrag der chinesischen Regierung Kanada in den finanziellen Untergang. Seine Frau Shakira, seine süßen Kinder Pit, Brat und Angelina und viele Stunden der Meditation unter Palmen auf seiner eigenen Südseeinsel brachten Bob schließlich wieder auf den Pfad der Tugend zurück. Er gründete eine Stiftung und ließ Weizen in Kuppeln auf dem Mond anbauen, um dem Hunger auf der Welt endgültig den Gar auszumachen.

Psychologisch: Bob ist intelligent und kann sehr liebenswert sein, er regt sich aber schnell auf und kriegt fast kolerische Anfälle, wenn etwas nicht so läuft wie er möchte. Als ihm seine Eltern sagten, dass er nur adoptiert ist, hat er tagelang gewütet und Dinge zerstört. Bob hat eine unstillbare Gier auf Neues. Er hat zahlreiche Drogen ausprobiert und in seiner Schul- und Studenteneit unzählige verschiedene Jobs angenommen, die er meistens nach wenigen Wochen wieder hingeworfen hat, weil sie ihn langweilten. Aufgrund seines fotografischen Gedächtnisses und seines überragenden Geistes erfasst er jedes Problem sofort und hat sein Studium in der Hälfte der Mindeststudienzeit absolviert. Die Geburt seiner Kinder und das Alter haben ihn milder gestimmt.

Ich-Zustände

Es kann nützlich sein, sich explizit zu überlegen, welche Ich-Zustände der Charakter (während des Romans) durchläuft. Wie verändert sich der Charakter im Laufe der Zeit?

Jugend: Geprägt vom Idealismus und dem Wunsch Dinge auszuprobieren.

Berufsleben: Streben nach Reichtum ohne Rücksicht auf Verluste

Alter: Rückkehr zum Idealismus und Kampf für eine bessere Welt.

Sprache

Wie spricht der Charakter? Nuschelt er? Benutzt er komplizierte Fachwörter oder schlechte Metaphern? Macht er ständig Witze und dumme Sprüche? Spricht er umständlich oder behördendeutsch? Was wären typische Sätze für Bob?
„Hier wird jetzt gerodet bis die Pelle aus der Wurst springt und wenn Sie im Weg stehen, werden sie mit gerodet.“
„Geld allein macht nicht glücklich. Aber mein geiles 500$ Boss-Hemd macht mich glücklich. Ich muss los, da kommt schon mein fetter Hubschrauber.“

Fragen/Interview

Viele Ratgeber empfehlen Interviews mit den Protagonisten zu führen. Ich habe einen Fragenkatalog benutzt, der nicht direkt vom Charakter beantwortet wird:

Was hat Bob an seinen Eltern am meisten genervt?
Warum sind die Eltern Stolz auf Bob?
Was würde ein Klassenkamerad über den Schulkameraden Bob berichten?
War Bob schon mal verliebt?
Was ist Bobs größter Antrieb?
Wann wird Bob wütend?
Wie reagiert Bob seine Wut ab?
Was bringt Bob zum Weinen?
Was würde Bob nur seinem besten Freund verraten?
Was würde Bob niemanden verraten?
Was würde Bob mit einem Lottogewinn machen?
Für wen würde Bob meilenweit gehen?

Und hier die Aufgabe für die Leser ;-): Wie würdet ihr diese Fragen für Bob beantworten?


Wie wichtig ist Dir Deine Figur?

Was will Kurt? Ölbilder malen! Wenn er nicht gerade die Deutsche Bank leitet und 16 Stunden arbeitet.

Neben der Information, dass Balzac einmal 21 Kannen Kaffee an einem Tag getrunken hat, stand der Protagonist einer Geschichte dieses Mal noch stärker im Mittelpunkt meines Schreibkurses. Der Leiter meinte die Personen seien wichtiger als die Geschichte. Insofern sammelten wir erstmal, was man alles über eine Figur wissen muss, damit sie kein flacher „Aufsteller“ wird. Dabei macht die Angreifbarkeit und die Ambivalenz ihres Charakters eine Figur interessant. Ist sie nur stark oder nur schwach wirkt sie langweilig. Ein blutrünstiger Serienkiller, der auch seine guten Seiten hat, ist ungleich spannender. Hier die Checkliste:

  • Was will Kurt [nicht]? (Motivation)
  • Stärken <-> Schwächen
  • Ängste (-> durch Vergangenheit bedingt; wie geht er mit seinen Ängsten um? Verdrängt er sie?; Existenzangst)
  • Leidenschaften
  • Vorlieben/Abneigungen
  • Besondere Fähigkeiten
  • Macken; Komplexe
  • Sehnsüchte (Die Sache, die Kurt will und die Sache, die Kurt eigentlich will können zwei völlig unterschiedliche Dinge sein.)
  • Süchte (Koks, Sex, Telespiele)
  • Gesundheit/Krankheit
  • Zwangslage; Schicksalsschläge; extreme Veränderungen
  • Glaube
  • Geheimnisse
  • Exro-/Introvertiertheit
  • gesellig/eigenbrödlerisch
  • Toleranz
  • Weitsicht
  • Manieren; Umgangsformen
  • Stil

Dabei gilt wie immer, dass die Eigenarten der Figur in der Erzählung herauskommen, ohne dass man sie direkt ausspricht („Er hatte Agoraphobie“=pfui). Shakespeare soll ein Meister darin gewesen sein seine Figuren in 5-6 Sätzen zu charakterisieren.

Die Motive einer Person bestimmen ihr Handeln. Umgekehrt wird eine Szene wahrscheinlich schlecht, wenn dem Autor das Motiv des Handelnden unklar ist.

Als Objekt unserer Figurüberlegungen diente, wie bereits angedeutet, Kurt. Leider konnten wir nicht mehr klären, ob er neben seinen Bankgeschäften zu einer Geheimorganisation gehörte, die heimlich Truthähne frittierte oder ob seine rechte Augenbraue nervös zuckte, wenn er einen Fleck auf seiner Gabel entdeckte.

Die zweite Hälfte der Doppelstunde wurde Feedback für die erste eingereichte Geschichte verabreicht. Die  unvollendete Kurzgeschichte spielte in einer geschlossenen Anstalt.
„Es hat mich gestört, dass der Text traurig ist.“, meinte ein Teilnehmer. Desweiteren regte  ihn auf, dass die Hauptfigur von hinten mit einem kalten Strahl Wasser bespritzt wird: „Das ist ja unangenehm.“ Darauf hingewiesen, dass es sich um einen fiktiven Text handele, hatte er aber schnell ein Einsehen: „Achso, das ist Fantasie. Dann bin ich ja total rückständig!“

„Der Text steigt aus, wo es schwierig wird“, meinte der Leiter. In der Tat waren Stimmungswechsel der Hauptfigur immer sehr abrupt.

Die im Text auftauchende Krankenschwester war von der Autorin bewusst einfach und klischeehaft gehalten. Leider wurde sie dadurch „totlangweilig“. Nur weil etwas realistisch ist, muss es noch lange nicht interessant sein.