Messiasse in Hamburg

Wie den Last-Minute-Shopper in den Weihnachtsansturm, treibt es mich zurück zum Blog, um zwei grandiose Performances zu zelebrieren, die sich dieser Tage in Hamburg (nördlich von Harburg) ereigneten: Mathias Rust und Alexander Marcus brachten ihr Publikum zum ekstatischen Jubeln. Nicht dasselbe Publikum und auch nicht am selben Ort oder zur selben Zeit. Mathias Rust flog mit Flugzeug und Rakete durchs Schauspielhaus, Alexander Marcus tanzte und sang in einem Hamburger „Club“, der so runtergekommen und verwarzt ist, dass ich den Namen hier nicht  erwähne, damit der Blog keinen Ausschlag kriegt.

Soviel zu den Unterschieden.

Selbst-Reflexive Kontradiktion – wie auch immer man es nennen will – gehört offenbar zum guten Ton zeitgenössischer Darstellung. Alexander Marcus ist eine über youtube-Videos bekannt gewordene Kunstfigur, die Folkloretexte mit Electrosound kombiniert, dazu Breakdance-artig tanzt und ihre Rolle so konsequent spackig durchzieht, dass man die Ambivalenz förmlich mit der Hand greifen und knuddeln will. Mindestens einmal pro Auftritt fängt er an zu heulen und zwischendurch erschießt sich ein per Video zugeschalteter erklärter Gegner von Alex, weil er die Musik einfach nicht mehr erträgt.

Ein Gespräch nach der Aufführung von „Rust, ein deutscher Messias“ zeigte mir, dass ich nicht der Einzige war, der mit widersprüchlichen Gefühlen gekommen war. Wird es wohlmöglich richtig gut? Oder der Abend komplett im Trash-Behälter des Lebens versenkt? Zum Glück ersteres.

Mathias Rust wurde durch Fabian Hinrichs viel authentischer dargestellt, als wenn er selbst gekommen wäre. Das von Studio Braun inszenierte Stück war ein bunter Erzählbogen guter Einfälle. Offenherzig nahm man sich selbst nicht so ernst: Als Heinz Strunk anfängt die Mutter von Rust zu spielen, wird er von Rocko Schamoni unterbrochen, der eine richtige Schauspielerin mitbringt, die genauso gekleidet ist wie Strunk.  Um zu beweisen, dass Strunk gar kein richtiger Schauspieler ist, müssen beide eine Szene aus „Der Weiße Hai“ vortragen. Die Schauspielerin gewinnt und Strunk muss den Vater spielen, während Schamoni die Rolle des Teppichs übernimmt.

„Rust – ein deutscher Messias“ läuft noch einige Male im Schauspielhaus (22.Dez und 2011).

Alexander Marcus hat heute Abend seinen Abschlussauftritt in Berlin.

Beides: Strictly recommended

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s