Weihnachtsfest Grotesk

Fortsetzung von UNHEILIGER ABEND.

Als alle den Raum verlassen hatten, atmete ich tief durch. Nach einer Weile ergriff ich das Buch, das mein Vater aus der Wohnung gerettet hatte. Es war an den Rändern leicht verkokelt. Ich klappte es auf und ein einzelnes loses Blatt kam mir entgegen. Es war der Zettel mit dem fünfzackigen Stern, den ich für die Geschenkanhänger abgemalt hatte. Als ich das Papier in die Hand nahm, kam die Erinnerung wie ein Donnerschlag über mich.

Wir saßen gemeinsam unterm Tannenbaum. Er war üppig geschmückt und alle Kerzen brannten. Jürgen blätterte in seinem neuen Buch, Ben inspizierte die Statuette. Ich selbst hatte auch ein Buch bekommen, eine Art Tierbuch: `Von Nasenkneifer und Ohrenbären`. Ich blätterte gerade auf die Seite mit Koiraben und Kolkkarpfen als Annita jauchzend rief: „Der Pullover ist einfach super! Ich probier ihn gleich mal über.“ Wir schauten sie alle erwartungsvoll an. „Ihr dreht euch um!“ Wir drehten uns unwillig um, als sie begann ihre Bluse aufzuknöpfen. Nur aus dem Augenwinkel sah ich, wie Jürgen und Ben sie aus den Augenwinkeln beobachteten. Sie streifte den Pullover über und wir drehten uns ihr wieder zu. Der Pullover passte perfekt, schien sich förmlich um ihre Figur zu schmiegen.

Ben fackelte gerade einen meiner mühevoll gebastelten Geschenkanhänger über dem Adventskranz ab, als Annita plötzlich anfing zu kichern und zu quieken. „Hihi, das kitzelt.“ Sie fasste sich an den Kragen. Erst dachte ich ihr Pullover würde das Licht der Kerzen auf eine besondere Art reflektieren. Aber Annitas Kichern bekam ziemlich abrupt einen hysterischen Unterton. Die Wolle bewegte sich, schien zu pulsieren. Die Fäden zogen sich zusammen und wieder auseinander, wie ein Haufen Maden, die miteinander verknotet waren. Annita fing wie wahnsinnig an zu schreien: „Macht das ab! Macht das ab!“ Sie riss am Pulloverkragen. Dieser dehnte sich weit, als wäre er aus Gummi. Klebrige Fäden blieben an ihrem Hals zurück.

Wir sprangen auf, um ihr den Pulli vom Leib zu reißen. Er hatte eine schleimige Konsistenz bekommen und die sich windenden Fäden wurden immer dicker, so dass Annita bereits bis zu den Knien umwickelt war. Sie schrie und schlug wild um sich. Panik funkelte auch in den Augen der anderen. Ben schlug mit der Statuette auf den Riesenwurm ein. Ich ergriff eine Schere und begann einzelne Stücke herauszuschneiden. So konnte ich Annita bis zum Bauchnabel frei bekommen. Der Wurm war jetzt daumendick. Ich griff nach dem obersten Wurmteil, der sich ihr um den Hals gewickelt hatte. Annita schnappte nach Luft und biss mir dann kräftig in den Arm.

Ich schrie und ließ die Schere fallen. Ben ergriff sie. Jürgen ergriff die Flucht und stürmte brüllend aus dem Raum. Gemeinsam mit Ben schnitt und wickelte ich Annita aus den zappelnden Wurmteilen, die nun armdick waren und immer schneller zu wachsen schienen. Schließlich hatten wir sie frei.

„Los raus hier“, rief Ben und sprang über den Haufen aus Wurmresten. Etwas schnappte nach ihm, verfehlte seinen Fuß aber knapp. Der Haufen wuchs mit jeder Sekunde um Zentimeter an. Annita hing phlegmatisch an meinem Arm. Ich hatte zu lange gezögert. Ben stand auf der anderen Seite des Raums, beim einzigen Ausgang. „Springt“, rief er, aber es war zu spät.

Wir waren abgeschnitten. Mehrere Wurmenden hatten sich zu unserer Seite aufgerichtet. Sie fletschten spitz zulaufende Zähne in kreisrunden Mäulern. In einem Anfall von totaler Panik stieß ich den brennenden Baum in ihre Richtung. Sofort sprangen die Flammen über, die öligen Schleime brannten wie Petroleum. Schnell loderte das Feuer bis zur Decke und es wurde unerträglich heiß. Auch die Couch fing Feuer und brannte nach Sekunden lichterloh. Der Weg zur Tür war nun endgültig versperrt. Ich umfasste Annita mit beiden Armen und zog sie zum Fenster. Dann sprang ich gegen die Thermopenscheibe. Sie zersprang klirrend und wir fielen nach draußen. Zwei Stockwerke rauschten an mir vorbei, bevor ich durch das Dach eines Käfer-Cabrio schlug. Ich fiel weich mit dem Rücken auf die gepolsterten Rücksitze. Krachend landete Annita auf mir. Ihr Hinterkopf donnerte auf meine Schneidezähne. Dann war nur noch Schwärze.

Jetzt lag ich hier im Krankenhaus und meine Kopfschmerzen hatten wieder begonnen. Konnte ich meiner Erinnerung trauen? Sie hatte sich wie eine verloren gegangene und nun wiedergefundene Filmsequenz vor meinem inneren Auge abgespielt. Vieles erschien nun klar und plausibel. Der brennende Baum und der Sturz würden einiges erklären. Aber die Sache mit dem Pullover? So was Verrücktes! Schließlich kam ich zu der Erkenntnis, dass mein Gehirn die Lücken im Gedächtnis irgendwie aufgefüllt hatte – wie es das menschliche Gehirn eben tut, wenn es etwas nicht erklären kann. Dann bemerkte ich, dass ich noch immer den Zettel in meiner Hand hielt. Unter dem Stern stand der arabische Text, den ich nicht entziffern konnte. Ich nahm mir vor, den Text so schnell wie möglichzu übersetzen.

Am nächsten Tag durfte ich das Krankenhaus verlassen. Eine Woche später bekam ich neue Schneidezähne und schließlich eine neue Wohnung. Jürgen, Ben, Annita und ich beschlossen, nicht wieder in eine gemeinsame WG zu ziehen. Annita brach ihr Literaturstudium in Hamburg sogar ab und ging nach Amerika, um an der University of Arkham Psychologie zu studieren. Den arabischen Text gab ich einem Doktoranden aus Saudi-Arabien zur Übersetzung. Ich saß gerade beim Frühstück in meiner neuen Wohnung und surfte mit meinem Notebook im Netz, als ich eine Email von ihm erhielt. Er hatte sich Mühe mit der Übersetzung gegeben:

Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.
Kein Zauberer es wagt, zu rufen jenen Wurm, der nagt.
Groteske Gestalten, die nur im Reich der Fäulnis walten.
Sie wollen kriechen aus verfluchten Höhlen, denn sie haben Durst nach Seelen.
Drum halt dich fern vom alten Zeichen, bevor sie in die Welt entweichen.

Noch am selben Tag warf ich den Zettel in den Aktenvernichter.

*ENDE*

Eine Antwort

  1. Hach, danke, jetzt kann ich gut schlafen🙂

    26. Dezember 2009 um 22:30

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