Der Weihnachtsstern

FORTSETZUNG von An apple a day.

Mein Arm juckte, aber ich konnte mich nicht richtig kratzen – wegen der Verbände.

Buntes Geschenkpapier. Gekräuselte Schleifen. Lustige Weihnachtsanhänger.

„Für Jürgen hatte ich ein Buch gekauft – ‚Bücher für Dummies‘, er sitzt ja nur noch vorm Computer“, fuhr ich meinen Bericht fort. „Für Ben hatte ich … ach ja, da war diese Steinstatuette auf dem Trödelmarkt – der afrikanische Verkäufer versichterte mir, sie sei aus dem Grab des Tutanchamun – ich glaubte ihm natürlich kein Wort und konnte ihn auf 18 Euro runterhandeln.“

Der Polizist schien diese Information etwas unruhiger aufzunehmen, er machte sich weiter Notizen und rutschte dabei auf seinem Stuhl herum.

„Für Annita hatten wir zusammengelegt und einen dieser dicken Strickpullover gekauft … Um Annitas Größe rauszukriegen hatten wir vorher ihren Kleiderschrank durchwühlt. Ich persönlich mag diese Wollpullis ja nicht, die kratzen immer so.“

Mein Arm juckte immer Schlimmer.

„Entschuldigen sich mich kurz“, sagte der Schutzmann, „bin gleich wieder da.“  Er stand auf und verließ den Raum.

Ich nutzte die Chance und wickelte den Verband von meinem linken Arm ab um mich endlich richtig kratzen zu können. Ein Ring von Abdrücken kam auf dem Unterarm zum Vorschein. Ich betrachtete den Abdruck. Eine Bisswunde. Schorf hatte sich gebildet und ich widerstand dem Drang daran herumzukratzen. Was für ein Tier mochte das gewesen sein? Der Abdruck erinnerte mich an meinen letzten Besuch beim Kieferorthopäden. Dort musste ich in so eine matschige Masse beißen. Der Abdruck sah ganz ähnlich aus, eigentlich genauso. Aber an der Stelle hätte ich mich unmöglich selber beißen können. Wahrscheinlich doch ein Hund.

Meinen Arm hatte ich gerade wieder eingewickelt, als der Polizist sichtlich erleichtert zurückkehrt.

Je näher meine Erzählung Heilig Abend kam umso verschwommener wurde meine Erinnerung. „Ich hatte … goldenes Geschenkpapier besorgt …“, setzte ich meine Erzählung stockend fort, “ … mit dem Einpacken habe ich mir besonders viel Mühe gegeben. Für jedes Paket wollte ich Weihnachtsanhänger selber machen … in der Zeit blätterte ich ich gerade in so einem Buch, das mir mein Prof. mitgegeben hatte – so ein uralter Wältzer auf Latein von Olaus Wormius. Darin fand ich eine einzelne abgerissene Seite aus einem anderen Buch. Neben einem kurzen Text, ich glaube auf arabisch, war ein sehr schöner Holzschnitt von einem fünfzackigen Stern abgebildet. Den habe ich mit viel Mühe abgemalt und auf die Weihnachtsanhänger übertragen. Das war einen Tag vor heilig Abend und ich kam zum Ersten Mal in so richtig weihnachtliche Stimmung – vielleicht lag es am Dornfelder, aber ich glaubte das ferne Lachen von Kinderstimmen und Glocken aus längst vergangenen Zeiten zu hören.“

Buntes Geschenkpapier. Gekräuselte Schleifen. Lustige Weihnachtsanhänger.

„Hatten Sie sich vorm Weihnachtsabend mit den anderen gestritten?“ fragte der Polizist.

„Nein überhaupt nicht!“ Ich runzelte die Stirn, ob dieser komischen Frage. In diesem Moment ging die Tür auf und meine Eltern kamen herein.

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2 Antworten

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