Die Textbesprechung

Zack und ich hatte Eine sitzen. „Das war dafür, dass Sie es wagen hier überhaupt aufzutauchen.“ Professor Landser schaute auf die Uhr: „15 Minuten. Länger ertrag ich den Mist nicht. Setzen!“
Ich hielt mir die schmerzende Wange und ließ mich auf einer kleinen Besuchercouch nieder. Dies war meine erste Besprechung bei Landser. Er sei leicht erregbar, hatte man mich gewarnt – ich solle ihn nicht provozieren. Der Prof pfefferte meine Kurzgeschichte auf den Tisch. „Ihr erster Satz ist schon mal totaler Müll. Viel zu lang und aufwühlend wie ein toter Maulwurf. Wenn Sie wollen, dass der Leser dranbleibt muss der erste Satz neugierig machen, nicht narkotisieren!“
Ich nickte. Das erschien mir logisch. Der Prof schaute mich misstrauisch an: „In Ihren Augen glänzt das Licht der Dummheit. Vielleicht was Einfacheres, nur für Sie! Seite 1, ich zitiere: Bob ist sehr nett, dachte die nette Marie, als sie den netten Weg entlanggingen. Fällt Ihnen an diesem Satz irgendetwas auf?“ Ich wusste nicht, was er von mir wollte und zuckte mit den Schultern. Der Satz erschien mir ganz nett.
„Ein Tripple! Und dann ausgerechnet mit dem Kreativattribut nett.“ Er beobachtete mich über den Rand seiner Brille hinweg. „Der geneigte Leser fragt sich doch: Warum ist Marie nett? Ist sie gut im Bett? Adrett, kokett oder vielleicht nur unglaublich fett, weil sie eine Sahnetorte nach der anderen verschlingt? Und Baumeister Bob? Wie sieht er überhaupt aus? Hat er Pickel? Hobbys? Hände so groß wie Baggerschaufeln? Das Gleiche gilt für den netten Weg. Mäandert er als kleiner matschiger Trampelpfad zwischen Tropenhäusern entlang oder hebt er sich in Gold gepflastert und von Palmen gesäumt einen Hügel hinan? Ich weiß es nicht… und Sie offensichtlich auch nicht!“
„Ihr Pamphlet geht natürlich unerbittlich weiter: Er machte einen Hals wie eine lange Wolke. Eine dümmere Metapher ist Ihnen nicht eingefallen, was?“, er starrte wieder auf meinen Text, „Guter Gott, lass mein Augenlicht verlöschen: Flink flanierten sie den Weg weiter. Das ist doch ein Widerspruch in sich!!“
Zum Ersten Mal wagte ich etwas zu erwidern: „Nennt man das nicht Pleonasmus?“
Der Professor lief schlagartig puterrot an. „Pleonasmus?“ Seine Stimme wurde lauter, „Ihre Stärke liegt wahrhaftig in Ihren Defiziten! Sie halten sich für richtig intellektuell, nicht wahr? Haben Sie etwa Abitur? Man kann kaum glauben, dass Sie jemals in der Schule waren! Wenn ich auf Texte von Ihnen Null Punkte schreibe, das ist ein Pleonasmus. Ein Widerspruch in sich ist ein Oxymoron. Tätowieren Sie sich das hinter die Ohren!“
Kopfschüttelnd blätterte er auf Seite vier. Seine Augen weiteten sich: „Ach Du hirnloser Röhrenpilz! Wieso kann Marie sehen, was Bob denkt? Ist sie von Alpha-Centauri und hat telepathische Kräfte?“ Er sah mich an, als würden mir kleine Antennen aus dem Kopf wachsen. „Haben Sie schon mal den Begriff Perspektive gehört? Für Ihre Zukunft sehe ich zumindest keine! Wenn Sie sich für einen Blickwinkel entscheiden, dann bleiben Sie gefälligst dabei.“ Ruckartig packte er mich am Kragen und zog mich so nah an sich heran, dass sein Gesicht geradezu zyklopische Ausmaße annahm. „Konsequenz ist das A und O der Perspektive. Ihre ständigen Wechsel sind schmerzhaft.“ Er ließ mich abrupt los und ich schlug mit dem Kinn auf den Tisch.
Als ich mich leicht benommen aufgerappelt hatte, blätterte er schon wieder in meinem Werk. Er bohrte seinen Zeigefinger in die Mitte der nächsten Seite. „Dann wurde es sehr, sehr spannend?“, brüllte er mich an und ballte die Hand zur Faust. Schützend hob ich die Arme vors Gesicht. „Gequirlte Exkremente! Ist Ihr Leser ein Ansageautomat der Telekom? Fängt er an zu sabbern, wenn Sie das Wort Glocke erwähnen? Niemand findet etwas mitreißend, nur weil da steht, es sei spannend. Verdammt, man muss die Situation erleben! Warum schreiben Sie nicht gleich: Dieser Text ist sehr gut und das Buch die 20 Euro auf jeden Fall wert? Dann sparen Sie sich Arbeit und ich kann auf Ihren Kursplatz einen Joghurt stellen. Aus dem erwachsen nach kürzerer Zeit schönere Dinge!“ Er riss die Seite aus der Arbeit, zerknüllte sie und warf sie hinter sich.
Ich schielte zur Tür und dachte an Flucht. Aber er musste meinen Blick bemerkt haben: seine Rechte schloss sich wie eine Handschelle um mein Handgelenk: „Hier geblieben Freundchen. Sechs Minuten noch. Der Felsblock bleibt, bis der Held ihn den Hang hinaufgerollt hat! Mit viel Glück ist der nächste Brocken kleiner, runder und weniger dummbratzig. Ach, ich wünschte man könnte den ewigen Kreislauf durchbrechen…“, seine Worte wurden zu einem unverständlichen Murmeln, während sein Blick zu einer doppelläufige Flinte wanderte, die metallisch glänzend an der Wand hing. Sie war mir zuvor gar nicht aufgefallen.
Wir sprangen gleichzeitig auf, aber Prof. Landser war schneller als ich. Er versuchte die Waffe von der Wand zu zerren. „Der absolute Höhepunkt Ihrer Geschichte ist natürlich, dass sie gar keinen hat! Marie und Bob gehen durch den botanischen Garten und sind glücklich!“ Ich versuchte ihn verzweifelt von der immer noch in der Halterung steckenden Flinte wegzureißen, während er weitertobte: „Keinerlei Entwicklung! Widerstreit der Herzen? Null! Innerer Konflikt? Nada!“ In diesem Moment löste sich die Waffe schlagartig und wir stürzten rückwärts zu Boden. Prof. Landser landete weich auf mir, drehte sich und bohrte mir beim Aufstehen sein Knie in die Nierengegend. „Jaaa, wenn Bob Marie dabei erwischen würde, wie sie Tim im Tropengewächshaus flachlegt, das hätte Potential! Aber das hier?“ Er legte das Gewehr an und zielte. „Selbst Ihr Finale ist an Erbärmlichkeit kaum zu unterbieten: Über die große Kreuzung gehend genossen sie den Blick rüber zum Baum. Das ist ihr letzter Satz? Unglaublich! Statt Erkenntnis nur Vakuum. Nicht mal das platte Heiratsangebot, das hier jeder erwartet hätte. Geschweige denn die längst überfällige Explosion im Terrarium, die anstelle des ganzen Gartens nur einen dampfenden Krater zurücklässt. Das wäre ein Ende zur Freude aller Kritiker! Merken Sie sich: Am Besten endet eine Geschichte mit einem richtigen Knaller!“ Er drückte ab. Ein Volltreffer zersiebte meine Hausarbeit. Papierfetzen flogen durch die Luft. Ich hechtete hinter das Sofa in Deckung, aber Landser, jetzt Schaum vor dem Mund, folgte mir flink wie ein Wiesel. „Wo wollen Sie hin?“, er erhob die Flinte und zielte. „Ihre Zeit ist um.“ Das vom Mündungsfeuer erleuchtete Gesicht des irren Literaten war das Letzte was ich sah.

4 Antworten

  1. tobybaier

    Also, ich hab schallend gelacht bei „Dann wurde es sehr, sehr spannend!“. Nicht übel, wenn auch etwas sehr autobiografisch. Musiktexte über das Musizieren magst Du nicht, aber Kurzgeschichten über Geschichtenschreiber?

    22. September 2009 um 20:25

  2. Ja, das autobiografische ist wahrscheinlich das große Problem bei diesem Text. Geschichten über das Geschichtenschreiben mag ich natürlich auch nicht, hatte nun aber gerade mal eine.😉

    22. September 2009 um 20:40

  3. Kommentare sollten sich nicht selbst reflektieren.

    22. September 2009 um 20:41

  4. Winterliche Daunenjacken

    Ganz nett.

    25. September 2009 um 21:16

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