Wie wichtig ist Dir Deine Figur?

Was will Kurt? Ölbilder malen! Wenn er nicht gerade die Deutsche Bank leitet und 16 Stunden arbeitet.

Neben der Information, dass Balzac einmal 21 Kannen Kaffee an einem Tag getrunken hat, stand der Protagonist einer Geschichte dieses Mal noch stärker im Mittelpunkt meines Schreibkurses. Der Leiter meinte die Personen seien wichtiger als die Geschichte. Insofern sammelten wir erstmal, was man alles über eine Figur wissen muss, damit sie kein flacher „Aufsteller“ wird. Dabei macht die Angreifbarkeit und die Ambivalenz ihres Charakters eine Figur interessant. Ist sie nur stark oder nur schwach wirkt sie langweilig. Ein blutrünstiger Serienkiller, der auch seine guten Seiten hat, ist ungleich spannender. Hier die Checkliste:

  • Was will Kurt [nicht]? (Motivation)
  • Stärken <-> Schwächen
  • Ängste (-> durch Vergangenheit bedingt; wie geht er mit seinen Ängsten um? Verdrängt er sie?; Existenzangst)
  • Leidenschaften
  • Vorlieben/Abneigungen
  • Besondere Fähigkeiten
  • Macken; Komplexe
  • Sehnsüchte (Die Sache, die Kurt will und die Sache, die Kurt eigentlich will können zwei völlig unterschiedliche Dinge sein.)
  • Süchte (Koks, Sex, Telespiele)
  • Gesundheit/Krankheit
  • Zwangslage; Schicksalsschläge; extreme Veränderungen
  • Glaube
  • Geheimnisse
  • Exro-/Introvertiertheit
  • gesellig/eigenbrödlerisch
  • Toleranz
  • Weitsicht
  • Manieren; Umgangsformen
  • Stil

Dabei gilt wie immer, dass die Eigenarten der Figur in der Erzählung herauskommen, ohne dass man sie direkt ausspricht („Er hatte Agoraphobie“=pfui). Shakespeare soll ein Meister darin gewesen sein seine Figuren in 5-6 Sätzen zu charakterisieren.

Die Motive einer Person bestimmen ihr Handeln. Umgekehrt wird eine Szene wahrscheinlich schlecht, wenn dem Autor das Motiv des Handelnden unklar ist.

Als Objekt unserer Figurüberlegungen diente, wie bereits angedeutet, Kurt. Leider konnten wir nicht mehr klären, ob er neben seinen Bankgeschäften zu einer Geheimorganisation gehörte, die heimlich Truthähne frittierte oder ob seine rechte Augenbraue nervös zuckte, wenn er einen Fleck auf seiner Gabel entdeckte.

Die zweite Hälfte der Doppelstunde wurde Feedback für die erste eingereichte Geschichte verabreicht. Die  unvollendete Kurzgeschichte spielte in einer geschlossenen Anstalt.
„Es hat mich gestört, dass der Text traurig ist.“, meinte ein Teilnehmer. Desweiteren regte  ihn auf, dass die Hauptfigur von hinten mit einem kalten Strahl Wasser bespritzt wird: „Das ist ja unangenehm.“ Darauf hingewiesen, dass es sich um einen fiktiven Text handele, hatte er aber schnell ein Einsehen: „Achso, das ist Fantasie. Dann bin ich ja total rückständig!“

„Der Text steigt aus, wo es schwierig wird“, meinte der Leiter. In der Tat waren Stimmungswechsel der Hauptfigur immer sehr abrupt.

Die im Text auftauchende Krankenschwester war von der Autorin bewusst einfach und klischeehaft gehalten. Leider wurde sie dadurch „totlangweilig“. Nur weil etwas realistisch ist, muss es noch lange nicht interessant sein.

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