Was wäre, wenn…?

Zweiter Tag im Schrei[b]kurs.

Der Prozess des Schreibens ist
die Verwandlung einer abstrakten Idee
in einen konkreten, szenischen und sinnlich erfahrbaren Text.
Leider bleibt man oft unterwegs stecken.

Heute ging es vor allem um die Hauptfigur der Erzählung: Elise, geboren 1968, Bäckereifachverkäuferin in Afrika. Zur Einführung las der Leiter die ersten Sätze aus diversen Büchern vor (u.a. „Die Entdeckung der Langsamkeit“, „Schiffsmeldungen“, „Middlesex“).

Leiter: „Was muss ein Autor über seine Hauptfigur wissen? Am besten alles! Das Schöne ist, dass man es sich ausdenken kann. Man kann alles mit der Figur machen!“

Drei Ebenen einer Figur hatte ich schon mal aus dem Buch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey kennengelernt:

  • soziologisch (Kindheit, Schule, Elternhaus)
  • physiologisch (Aussehen, Gewicht)
  • psychologisch (Stärken, Ängste etc.)

Im Kurs wurde der Blick der Figur auf die Welt betont und wie er aus diesen Perspektiven entsteht.

Eine oft benutzte Möglichkeit zum Konstruieren von Figuren ist eine normale Familie zu nehmen und dann die Was-wäre-wenn?-Frage zu stellen, also z.B. zu überlegen, was passieren würde, wenn die Familie mit extremer Gewalt konfrontiert würde.

Unser Leiter besorgt sich auch ein Foto von seinen Hauptpersonen. Er muss wirklich ein mächtiger Autor sein, dass sich seine Figuren so manifestieren ;-) .

Desweiteren sammelten wir Aspekte, die einen Roman lesenswert machen. Die Teilnehmer kamen auf folgende Liste:

  • innerer Konflikt
  • Spannung
  • überraschende Wendung
  • Identifikation
  • verschiedene Sichtweisen/Perspektiven/Blickwinkel
  • Klarheit (Text, Dialoge etc.)
  • Glaubhaftigkeit/Glaubwürdigkeit/Nachvollziehbarkeit
  • Leichtigkeit (Hemingway soll angeblich leicht schreiben)
  • Verstehbar (es gebe aber auch gute unverstehbare Bücher, z.B. „Kafka am Strand“ von Haruki Murakami)
  • „gleichberechtigte“ Figuren
  • Höhen & Tiefen: Dramaturgie, Rhythmus
  • Starke Figuren, komplexe Beziehungen
  • Humor
  • Ironie (Das Schreckliche im Guten sehen und umgekehrt)
  • Emotionen
  • Sprache (halte ich persönlich ja für nicht so wichtig ;-) )

Verbrennt Eure Kurzgeschichten

Du kriegst 10 Euro, wenn Du den nächsten Satz auch noch liest. Erster Tag des von mir belegten Schreibkurses. Der Ablauf: Jede Woche wird ein Text eines Teilnehmers besprochen. Wir bleiben respektvoll, aber scheuen uns nicht die Texte begründet zu kritisieren („Der Text ist nicht der Autor“). Finden alle den Text schlecht, kann man ihn ruhig wegwerfen. Der Leiter der Veranstaltung hat selbst einmal alle seine Kurzgeschichten verbrannt. Die Welt wäre eine bessere, wenn mehr Leute seinem Vorbild nacheifern würden.

Die ersten Tipps:

  • Wir schreiben über den Widerstreit des menschlichen Herzen mit sich selbst (William Faulkner).
  • Je besser der Text, umso weniger wird behauptet („Er war sehr traurig“ = würg)
  • Schreib den ersten Satz so, dass der Leser den zweiten lesen will.
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Joss Whedons 10 Tipps zum Drehbuchschreiben

Joss Whedon hat in einem Artikel von Catherine Bray im 4Talent magazine 10 Tips gegeben, wie man ein Drehbuch schreibt. Hier die zugegebner Maßen freie Übersetzung – Joss Original-Ton im Deutschen zu treffen fiel mir einfach zu schwer. Wer Englisch kann sollte bei Danny Stack das Original lesen. Ansonsten gelten die Tipps sicher auch für Diplomarbeiten, Romane usw.

1. Zum Schluss kommen
Joss empfiehlt erstmal bis zum Schluss zu schreiben, bevor man mittendrin an Kapiteln hängen bleibt, die noch nicht ganz perfekt sind. Viele seiner Freunde haben, nachdem sie zwei Drittel eines Drehbuchs fertig gestellt hatten, diese jahrelang umgeschrieben, ohne zum Ende zu kommen. Er gibt allerdings zu, dass letzteres auch nicht gerade eine leichte Aufgabe ist, aber ihre Erreichung sehr befreiend.

2. Struktur
Joss beschreibt sich als Strukturbesessenen. Er erstellt farbige Grafiken und Diagramme in denen er verschiedene Fragen beantwortet: Wo sind die Witze? Der Nervenkitzel? Liebesszenen? Wer weiß was und zu welchem Zeitpunkt? Man soll sich ausmalen wie das Publikum es erleben soll.

3. Man sollte was zu sagen haben
Sich selbst widerlegend meint Joss unter Punkt 3, dass dieser eigentlich der erste sein sollte. Die Anzahl Filme, die gar nicht von dem Handeln, was sie vorgeben zu tun sei erschütternd. Es sei selten einen Film mit einer Idee zu finden und keine Sammlung aus netten Versatzstücken.

4. Jeder hat einen Grund zu Leben
Jeder hat eine Perspektive und das sollte in allen Szenen berücksichtigt werden. Selbst für die kleinen Helfershelfer an der Seite des Oberbösewichts. Sie haben ihre eigene Stimme, Identität und Geschichte. Es entsteht kein Dialog, wenn jemand nur spricht um den Text eines anderen vorzubereiten. Nicht jeder Charakter muss witzig, aufgeweckt oder reizend sein und nicht jeder muss überhaupt etwas sagen, aber man muss wissen wer jemand ist, warum er dort ist, was er fühlt und tut und warum.

5. Bei Blockaden das Beste raus streichen
Ein Trick von Joss, wenn eine Story mal nicht funktionieren will, ist, die Szene oder Idee raus zu streichen, die man am meisten liebt. Das sei brutal, aber manchmal unvermeidbar und eine enorm befreiende Übung.

6. Zuhören
Die dümmste Person im Raum kann die beste Idee haben. Deswegen sollte man auf absolut jeden hören. Wenn Joss als Script-Doktor angeheuert wurde lag das meistens daran, dass irgendjemand eine Blockade hatte und die Leute um sich herum nicht mehr wahrgenommen hat.

7. Die Stimmung des Publikums verfolgen
Es gibt nur ein Ziel: das Publikum wirklich zu erreichen. Deswegen muss man laufend verfolgen, was das Publikum fühlt. Ein Autor sollte nicht nachträglich erklären müssen, was er mit einer Szene gemeint hat. Man muss im Sinne des Publikums denken.

8. Schreib einen Film
Dinge die abgefahren und aufwendig sind, sollten auch begeisternd geschildert werden. Unwichtige Dinge sollten kurz und bündig abgehandelt werden. Schon das Lesen sollte sich wie ein Film anfühlen. Das erspart später eine Menge Arbeit für einen selbst, den Director und die Filmbosse.

9. Nicht Zuhören
Widerspricht dieser Punkt Tip 6? Kein Problem, denn Joss meint, die besten Sachen kommen heraus, wenn jemand das System fickt (seine Worte). Das Unerwartete machen und die eigene, persönliche Stimme gegen eine Film-Produktionsmaschine durchsetzen, die tendenziell eher alles gleichmacht. Bei Firefly gab es einen Punkt, an dem das durchführende Network sich soweit von Joss Vorstellung abgewendet hatte, dass Joss abgebrochen hätte.

10. Keinen Ausverkauf machen.
Den ersten verdienten Cent hat Joss gespart, um danach niemals mehr einen Job anzunehmen, nur weil er musste. Allerdings könne man auch in allem etwas Gutes finden. Selbst in Waterworld oder Last Action Hero. In fast allen Filmen sei eine Idee. Wenn man etwas findet, das man liebt, kann man es machen. Wenn nicht betreibt man Unzucht, egal welche Skills man hat.

Dank nochmal an Catherine Bray für für die Erlaubnis das posten zu dürfen!

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