Objektiv gesehen richtig

Grauer Beton. Schon wenn er das Atomkraftwerk nur aus der Ferne sieht, fühlt er sich schmutzig. Unsichtbare, todbringende Strahlung. Sie durchwirkt Luft, Wasser und Erde wie ein fixer Gedanke einen kranken Geist. Fette Bonzen bereichern sich, in dem sie die Sandburgen von Kindern verpesten. Vergängliche Bauwerke der verunstalteten Kinder unserer Kinder, die in tausenden von Jahren mit leuchtendem Sand aus längst verfallenen Endlagern ihre Förmchen füllen werden. Angewidert öffnet er die von der Atom-Lobby gestaltete Wikipedia-Seite und beginnt zu lesen.

Sechs Stunden später.

Friedlich leuchtete die Kuppel in der Abendsonne. Die Luft hier war erstaunlich warm und von Blütenduft geschwängert. Der niedrige CO2-Ausstoß des Kernkraftwerks machte das Atmen zu einem Genuss. Der Gedanke an die überlegene Effizienz des modernen Reaktors malte ein Lächeln auf die Lippen. Man spürte förmlich wie die Brennstäbe tanzten, ein Pärchen, das bei jeder Annäherung immer wieder aufs Neue heftig füreinander entflammt. Diese Zukunftstechnologie musste man einfach lieben.

Im Anschluss an die Perspektivbetrachtungen von letzter Woche unterstrich der Kursleiter, dass es im Roman keine Objektivität gibt (im Blog natürlich schon). Er stellte ein Bild vom Canale Grande auf den Tisch und wir mussten uns vorstellen, wie Undine durch Venedig schreitet. Dabei war Undine einmal zu Tode betrübt und das zweite Mal glückselig. Dementsprechend stand sie entweder in einer Art siebtem Himmel, in dem die flauschigen Schafswolken in stattlichen Gondeln lieblich singend an ihr vorüberzogen. Oder sie schaute auf den übel riechenden Brackwasserkanal hinab und dachte: Wann würde dieses stinkende Kaff endlich untergehen.

Bodenlose Unverschämtheit

Nach einigem Zögern hatte ich dem Schreibkurs vor Ostern das 1. Kapitel meines entstehenden Romans vorgelegt. Gestern gab es dazu Feedback von den Teilnehmern. Es ist ein komisches Gefühl eine Geschichte, an der man wochenlang gefeilt hat, schließlich fremden Leuten vorzustellen.

„Ich würde das Buch sofort kaufen … wenn es nicht mehr als 2,50 Euro kostet“, war mein Lieblingskommentar. Insgesamt war ich überrascht über die Ausführlichkeit des Feedbacks. Wir verbrachten die gesamten 1,5 Stunden nur mit meinem Text. Glücklicherweise waren sich alle einig, dass sie den Text spannend und sehr gut fanden, auch wenn viele gegenüber dem Genre vorbehalte hatten. Zitat einer Teilnehmerin: „Ach du Scheiße Science Fiction. Aber dann fand ich es sehr gut.“

Nach viel Lob stiegen wir dann in die „Kleinigkeiten“ ein, die ich noch verbessern könnte. Der Anfang des Kapitels handelt von einem rasanten Absturz. Hier wurden die teilweise noch zu lange Sätze bzw. Gedankengänge der Hauptperson kritisiert. Auch sprachlich konnte der Text noch der Geschwindigkeit der Situation besser angepasst werden, z.B. klang der Satz „Dann widmete sie sich wieder den Bordinstrumenten“ zu gemütlich.
Die Sprache der Hauptperson Ginger war an einigen Stellen inkonsistent. Zu ihrer meist schnoddrigen Art passten manche sehr ausformulierte Sätze nicht.

Wie von mir schon befürchtet hatte ich auch an einige Stellen den Lehrsatz „beschreiben nicht behaupten“ missachtet. Z.B. schrie die Formulierung „Tatsächlich entpuppte sich der leuchtende Punkt nach kurzer Zeit als näher kommendes Raumschiff.“ nach Meinung unseres Leiters nach szenenhaften Bebilderung. Er meinte schließlich auch, dass es eine „bodenlose Unverschämtheit“ sei, dass ich am Ende des Kapitels nicht verraten würde, was in dem silbernen Koffer ist.

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Das schönste Satzzeichen

Ich denke, ich kann hier guten Gewissens schreiben, der wöchentliche Schreibkurs habe sich dieses Mal – und dies möchte ich mit Nachdruck betonen – neben der Besprechung eines autobiographischen Textes und einer Kurzgeschichte, den zwei wichtigen Erkenntnissen, dass zum Einen Rechtfertigungen des Autors, warum gerade er schreiberisch tätig sein dürfe, im Normalfall in einer Erzählung fehl am Platze seien und dass zum Anderen der Punkt das wichtigste Satzzeichen sei, gewidmet.

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„jetzt wurde es sehr, sehr spannend“

Im Kapitel „beschreiben nicht benennen“ beschäftigten wir uns im diesmaligen Schreibkurs mit der Übung das Zentrum eines Textes nicht zu benennen: Geht es um einen kleinen Mann? Dann benutzt man nicht das Wort „klein“ oder sagt er war nur 1,42 m groß, sondern umschreibt diese Eigenschaft. Oder dreht sich ein Roman um die Rache eines Kapitäns an einem Wal, der ihm ein Bein abgebissen hat, dann vermeidet man Beschreibungen wie „der Kapitän verspürte große Rachegefühle und verfolgte den Wal eine halbe Ewigkeit“.

Warum? Die Erzählung wird durch Beschreibung der Auswirkung einer unbekannten und damit noch unbestimmten Sache spannender. Auch Vorwegnahmen sollte man deswegen sparsam einsetzen.

Gilt das immer? Nein. Vom Flug unserer Heldin Anna Gramm nach Kuala Lumpur ist wahrscheinlich nicht jede Flugminute einer Beschreibung würdig, wenn das zentrale Thema des Romans der Lebensraum der Seegurke ist, der von Anna untersucht wird. Es sei denn sie trifft auf dem Flug zufällig Andre Ass den berühmten Meereswissenschaftler und Experten für Sandlückenfauna.

Zentrale Punkte brauchen Szenen.

Die Übung bestand für uns schließlich darin die Liebe zwischen Paul und Tina zu beschreiben, ohne das Wort Liebe zu nennen. Wir hatten ca. 20 Minuten Zeit dies zu tun, für mich waren es allerdings gefühlte 3 Minuten, weswegen ich am Ende meines Textes eigentlich noch nicht so weit war, dass ich guten Gewissens hätte behaupten können, ich hätte das Thema nicht verfehlt. Aber lest selbst:

Paul stützte sich auf einen Felsen und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht: „Ich hätte nicht gedacht, dass 10km so lang sein können!“

Tina lächelte: „Hier in den Hügeln kann man die Entfernung leicht unterschätzen.“

Paul sog die kristallklare Luft in seine Lungen und ließ seinen Blick schweifen. Im Westen lag der Berg mit der großen Fernsehantenne. Seltsam, dachte Paul, die Antenne lag doch vorhin im Osten!? „Bist Du sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind?“, fragte er. „Bin ich die Bergführerin oder du?“, antwortete Tina und wandte schnell ihr Gesicht ab. Paul versuchte mit dem Blick ihre Route zurückzuverfolgen. Er hatte sich mit Tina blendend unterhalten. Die bisherige Wanderung war wie im Flug vergangen. Wieviele Stunden waren es gewesen?`Paul schaute auf seine kaputte Taschenuhr. Tina hatte ausversehen einen Stein darauf fallen lassen. Komisch, die Sonne steht schon so tief. Das müssen doch mehr als drei Stunden Wanderung gewesen sein. „Sag mal wie spät ist es eigentlich?“, fragte er.

Tja, was ich so unter Liebe verstehe. Subtil, sicherlich, aber ihr habt die Zeichen der Liebe gewiss klar erkannt…

Verbrennt Eure Kurzgeschichten

Du kriegst 10 Euro, wenn Du den nächsten Satz auch noch liest. Erster Tag des von mir belegten Schreibkurses. Der Ablauf: Jede Woche wird ein Text eines Teilnehmers besprochen. Wir bleiben respektvoll, aber scheuen uns nicht die Texte begründet zu kritisieren („Der Text ist nicht der Autor“). Finden alle den Text schlecht, kann man ihn ruhig wegwerfen. Der Leiter der Veranstaltung hat selbst einmal alle seine Kurzgeschichten verbrannt. Die Welt wäre eine bessere, wenn mehr Leute seinem Vorbild nacheifern würden.

Die ersten Tipps:

  • Wir schreiben über den Widerstreit des menschlichen Herzen mit sich selbst (William Faulkner).
  • Je besser der Text, umso weniger wird behauptet („Er war sehr traurig“ = würg)
  • Schreib den ersten Satz so, dass der Leser den zweiten lesen will.
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